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Eine Einführung

PsychoSophisches Bewusstseins-Modell


Das PsychoSophische Bewusstseins-Modell betrachtet Bewusstsein als ein evolutionär entstandenes, emergentes System, das uns Menschen befähigt, Überleben, Lebensqualität und persönliche Entwicklung zu sichern. Es ist keine bloße zufällige Begleiterscheinung neuronaler Aktivität, sondern wird in diesem Modell als funktionale, adaptive Eigenschaft verstanden, die aus der Vernetzung verschiedener neuronaler Subsysteme hervorgeht – insbesondere aus der koordinierten Aktivität thalamokortikaler Netzwerke sowie präfrontaler und parietaler Kortexareale und limbischer Strukturen wie Amygdala, Hippocampus und Insula, die sensorische, emotionale und kognitive Informationen integrieren.

Der evolutionäre Ursprung bewusster Erfahrung wird in diesem Modell mit emotional-motivationalen Systemen in Verbindung gebracht, wie sie von Jaak Panksepp beschrieben wurden. Dazu gehören FEAR (Furcht), SEEKING (Exploration und Ressourcensuche), RAGE (Verteidigung), CARE (Fürsorge und soziale Bindung), LUST (Fortpflanzung), PANIC/GRIEF (Trennungsschmerz und soziale Kohäsion) sowie PLAY (Spiel und soziales Lernen). Diese Systeme erzeugen charakteristische affektive Erlebniszustände und motivationale Signale, die Verhalten steuern, Aufmerksamkeit lenken und Lernen unterstützen. Subjektive Erlebnisqualitäten – häufig als Qualia bezeichnet – begleiten solche Zustände und vermitteln dem Organismus, ob eine Situation förderlich oder schädlich für Überleben, Wohlbefinden oder soziale Bindung ist. Auf diese Weise können subjektive Erfahrungen die Handlungseffizienz erhöhen und adaptive Verhaltensweisen fördern.

Unter Qualia werden subjektive Erlebnisqualitäten verstanden, also das qualitative 'Wie-es-sich-anfühlt' eines mentalen Zustands. Ihre genaue neurobiologische Entstehung ist bislang nicht vollständig geklärt und gehört zu den zentralen offenen Fragen der Bewusstseinsforschung, die unter anderem im Kontext des 'Hard Problem of Consciousness' diskutiert wird.
Im Rahmen dieses Modells lassen sich jedoch verschiedene Ebenen subjektiver Erfahrung unterscheiden:
basale affektive Qualitäten wie Schmerz, Angst, Aggression oder Lust, die eng mit grundlegenden Überlebensfunktionen verbunden sind, sowie komplexere, reflektierte Erlebnisqualitäten wie Sinn, Stolz, Zufriedenheit, Glück, Selbstwert, Empathie, Einsicht oder Fairness, die stärker mit kognitiven Bewertungs- und Selbstreflexionsprozessen zusammenhängen.

Bewusstsein wird hier als emergentes Phänomen verstanden. Es entsteht aus der dynamischen Interaktion biologischer Strukturen und funktionaler Netzwerke des Gehirns. Anschaulich lässt sich dies als Zusammenspiel verschiedener Ebenen beschreiben: der biologischen Grundlage aus Neuronen, Synapsen und neuronaler Plastizität (Hardware), evolutionär entstandener motivational-emotionaler Systeme (Firmware) sowie großskaliger Integrations- und Kontrollnetzwerke des Gehirns (Betriebssystem), insbesondere frontostriataler und frontoparietaler Netzwerke, die Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotion und Kognition miteinander verknüpfen. Bewusstsein lässt sich daher nicht durch die isolierte Betrachtung einzelner Strukturen erklären, sondern nur durch die Dynamik des gesamten Netzwerks.

Darauf baut die 'User-Software' des Ich-Bewusstseins auf. Sie integriert Wahrnehmungen, Erinnerungen, Emotionen und Bewertungen in ein dynamisches neuronales Selbstmodell und ermöglicht Selbstreflexion, neue Einsichten, Zielplanung und bewusste Selbstregulierung. Wichtige beteiligte Hirnregionen sind unter anderem der mediale präfrontale Cortex (mPFC) für Selbstreferenz und Selbstreflexion, der dorsolaterale präfrontale Cortex (dlPFC) für Planung und kognitive Kontrolle, die temporoparietale Übergangszone (TPJ) für Selbst-Fremd-Differenzierung und Perspektivübernahme, der posteriore cinguläre Cortex (PCC) und der Precuneus für autobiografisches Denken und Aspekte des Selbstmodells sowie die Insula für Interozeption und Körperwahrnehmung.

Entscheidungen entstehen aus neuronalen Prozessen wie Wünschen, Überzeugungen und Bewertungen möglicher Handlungsoptionen. Dies entspricht einer kompatibilistischen Sichtweise des freien Willens: Obwohl Gehirnprozesse biologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, ermöglicht das Bewusstsein Formen der Selbststeuerung, etwa die bewusste Modifikation, Umsetzung oder Unterlassung von Handlungen. Freier Wille wird dabei als die Fähigkeit verstanden, Handlungen auf Basis von Gründen, Bewertungen und langfristigen Zielen innerhalb biologischer Rahmenbedingungen bewusst zu modulieren.

Die PsychoSophische Intelligenz beschreibt die praktische Operationalisierung dieser Selbststeuerung des Bewusstseins. Sie ist mit 7 philosophischen Perspektiven verbunden und wird in 7 Stufen dargestellt: Selbst-Recheck (aktuelles Befinden prüfen), Selbst-Reset (ein solides, vitales Ausgangsniveau herstellen), Selbst-Reflexion (Soll- und Ist-Zustand sowie mögliche Widersprüche analysieren), Selbst-Rekognition (Erkennen, Bewerten und Schlussfolgern), Selbst-Regulierung (bewusste Steuerung von Denken, Befinden und Verhalten), Selbst-Revision (Überprüfung, Korrektur und Optimierung) und Selbst-Realisierung (schrittweise Annäherung an angestrebte Ziele). Diese Stufen verdeutlichen, wie reflektierende Top-Down-Prozesse grundlegende emotionale und motivationale Bottom-Up-Prozesse modulieren können.

Bewusstsein erscheint in diesem Modell somit als ein evolutionär entwickeltes System, das Überleben, Lebensqualität und soziale Kooperation unterstützt. Subjektive Erlebnisqualitäten beeinflussen Aufmerksamkeit, Motivation und Lernen. Das Ich-Bewusstsein ermöglicht reflektiertes Handeln und langfristige Lebensgestaltung. Freier Wille kann als bewusste Modulation von Denken und Verhalten innerhalb biologischer Rahmenbedingungen verstanden werden. Bewusstsein ist dabei biologisch verankert, naturwissenschaftlich untersuchbar und nach heutigem Forschungsstand eng mit der Aktivität des Gehirns verbunden.

Zukünftige Fortschritte in Neurotechnologie und künstlicher Intelligenz könnten dazu beitragen, neuronale Muster subjektiver Zustände präziser zu erfassen und besser mit berichteten Erfahrungen zu korrelieren – ähnlich wie heute physiologische Parameter wie Puls, Blutdruck, Körpertemperatur, Hautleitfähigkeit oder Gehirnwellen gemessen werden. Dadurch könnte sich das wissenschaftliche Verständnis von Bewusstsein und Ich-Bewusstsein weiter vertiefen.

Die Kernaussage lautet somit: Bewusstsein ist ein emergentes, evolutionär entstandenes, hierarchisch organisiertes System subjektiver Erfahrungen, einschließlich basaler und reflektierter Erlebnisqualitäten (Qualia), das als inneres Navigationssystem für Überleben (Existenzialismus), adaptive Lebensgestaltung, gelingendes, erfülltes Leben (Eudaimonia) und bewusste metakognitive Selbststeuerung dient.